Punkrock was my Daddy

Gerade habe ich diese wirklich sympathische und spannende Dokumentation The other F Word von Andrea Blaugrund Nevins gesehen: Alternde Punkrocker, die sich in einer völlig neuen Rolle zurechtfinden müssen. Als Väter. Aber die Regisseurin hat sich nicht irgendwelche daher gelaufende Punkrocker gesucht, sondern ziemlich bekannte Größen zwischen Anarchie und Alltag begleitet. Fat Mike (NOFX), Brett Gurewitz (Bad Religion), Flea (Red Hot Chili Peppers) und Lars Frederiksen (Rancid) sind nur einige, die bei der Dokumentation mitgemacht haben.

In fünf Kapitel gegliedert, erzählt der Film die unterschiedlichen Stories der Punks, die zwischen nihilistischem Weltbild und Privatschulen pendeln. Zunächst erfährt der Zuschauer, wie die Protagonisten zum Punkrock fanden. Die meisten kommen aus dysfunktionalen Familien, der Vater war nicht da oder Gewalt war an anderer Stelle im Spiel. Obwohl gegen jegliche Bürgerlichkeit und gesellschaftliche Regeln, gab die Musik den Kids ein neues Zuhause. Jahrelang lebten sie wild, Drogen und psychische Probleme inklusive. Nicht alle Freunde haben es geschafft, wie zum Beispiel der Bassist Jason Thirsk (Pennywise).

Und dann kommt der Cut. F wie Fatherhood heißt das zweite Kapitel. Und zeigt jene, die nicht gestorben sind. Sondern eine Familie gegründet haben. Man sieht, wie der ehemalige Sänger der Band Pennywise, James Lindberg, seinen Koffer packt. Hinein kommen Mittelchen gegen Sodbrennen („Because you eat like shit“), Haarfärbemittel („you gotta keep the dream alive“), ein Haartrimmer („Suddenly you get hair in weird places“) und eine Barbiepuppe seiner kleinsten Tochter Kate. Bevor er auf eine sechsmonatige Rock-Tour geht eine letzte väterliche Ansage an seine drei Töchter, die am Küchentisch sitzen: „Homework, Bath, Bed“. So läuft das also, wenn der Papa ein Punkrocker ist.

Vom hardcore Punk zum hardcore Dad

The other F Word zeigt Punks, die älter werden. Aus Anhängern von Hardcore-Punkbands wie Black Flag wurden Familienväter, die Hypotheken abzahlen müssen und sich Gedanken darum machen, wie sie Essen auf den Tisch bringen sollen. Sie sind Teil eines Systems geworden, gegen das sie immer rebelliert haben. Angepasst und irgendwie doch auffällig mit ihren I hate People Shirts auf Spielplätzen und in den Eingangshallen von Balletschulen.

Halb bewegt, halb belustigt verfolgt man die unterschiedlichen Werdegänge der Alt-Punker, die sich mit ihren neuen Rollen als Väter auseinandersetzen müssen. „Meinen Kindern das Richtige beizubringen ist extrem schwer“ sagt Tony Hawk. Mit der Aussage steht er sicherlich nicht alleine da, die meisten Eltern können das unterschreiben. Aber allein die Tatsache, dass es aus dem Mund eines (Punkrock-) Skaters kommt, macht es schon fast grotesk. Punkrock und Vatersein? Das passt eben nicht, denkt man sich als Zuschauer. Die Regisseurin schafft es indes, dem Zuschauer beide Seiten der Protagonisten nahe zu bringen. So authentisch die Jungs auf Konzerten und Festivals ihre Fuck the System Haltung feiern, so liebevoll können sie im nächsten Moment ihren Kindern Toast mit Butter beschmieren.

„My Kids brought life to me“ – Flea

Nicht die Tatsache, dass sich diese unterschiedlichen Lebensstile miteinander kombinieren lassen macht die Doku von der Harvard Absolventin sehenswert. Sondern, dass in den fast Hundert Minuten des Films von einem Reifeprozess erzählt wird, der den Zuschauer, aber vor allem die Musiker selbst, überrascht. Punkrock ist nicht dazu da, um alt zu werden. Punkrock denkt nicht an morgen, Punkrock will heute die Welt verändern: „Nobody expected to be around this long“, sagt Lindberg im Film. Und dann sind sie eben doch so lange da und haben auf einmal eine Familie. Die Protagonisten kommen alle aus irgendeinem Chaos. Jahrelang waren sie wütend, meistens auf ihre Väter. Und nun sind sie selber welche und erkennen umso mehr die Wichtigkeit als Vater, der einem irgendwie beim Großwerden hilft. Diesen Vorgang mit anzusehen, rührt den Zuschauer ungemein. Von sich prügelnden Halbstarken haben sie sich zu sorgenden Brötchenverdienern entwickelt. Am besten bringt es Art Alexakis auf den Punkt. Jemand habe mal zu ihm gesagt, „Ich wünschte, Du wärst mein Vater.“ Und er entgegnet: „Ja, das wünsche ich mir auch. Ich wünschte, ich wäre mein Vater.“

Die 98-minütige Doku The other F word von Andrea Blaugrund Nevins wurde von Rare Bird Films produziert und kann auf netflix angeschaut werden. Ansehen!

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