Die anonymen Romantiker

Ich habe letztes Wochenende in der Schokoladenhochburg Brüssel verbracht, beim Manneken Pis und auf der Suche nach den berühmten belgischen Pommes. Die frittierten Freunde, die meine Mädels und ich gefunden haben, konnten uns zwar nicht überzeugen. Dafür fanden wir großartige Waffeln und eine immense Lust auf Schokolade. Bot sich also an, nach der Rückkehr ins graue Köln einen Film zu schauen, der das Genussmittel zelebriert. Und die Liebe! Ja, mit der Liebe macht man im Film grundsätzlich nichts falsch. Deshalb bot sich „Die anonymen Romantiker“ an, ein französischer Spielfilm von Jean-Pierre Améris aus dem Jahre 2011:

Die hochsensible Angélique (Isabelle Carrée) fängt als Außendienstmitarbeiterin bei einem Chocolatier an. Das war ihrerseits gar nicht so geplant, die gelernte Superschokoladenproduzentin wollte nämlich eigentlich nur eins: Pralinen herstellen. Am besten in einem kleinen Kämmerlein, wo niemand sie sieht. Mit Menschen reden, sie berühren oder sogar irgendwo im Mittelpunkt stehen, überfordert die Arme ganz furchtbar und es kann passieren, dass sie in Ohnmacht fällt. Beim Vorstellungsgespräch mit dem angeblich strengen Chef Jean-René (Benoît Poelvoorde) lief da aber etwas falsch und Angélique ist nachher zu schüchtern, um zu kündigen. Also ergibt sie sich vorerst ihrem Schicksal und versucht, die als etwas zu konservativ geltende Schokolade ihrer Firma zu verkaufen.

Der Firmeninhaber Jean-René wiederum ist auch nicht gerade ein kontaktfreudiger Mensch, der mit  Offenheit seine Umgebung entertaint. Eher im Gegenteil. Wöchentlich lässt er sich von seinem Therapeuten Aufgaben geben, damit überhaupt so etwas wie soziale Interaktion zwischen ihm und seinen Mitmenschen entsteht. Die erste: Er soll jemanden zum Essen einladen. Dafür wählt er ausgerechnet seine neue Mitarbeiterin Angélique aus.

Natürlich wissen wir Zuschauer relativ schnell, dass die beiden auf sich stehen. Natürlich wissen wir auch, dass es bei den Franzosen und der Liebe gut ausgehen muss. Aber alles zwischen dem ersten Salut und dem letzten Au-revoir-Kuss ist bei dieser französischen Liebeskomödie eine kleine Überraschungstüte. Man kann sich nur darauf verlassen, dass der Regisseur Améris es schafft, die großen und wichtigen Themen Schokolade und Liebe in eine zarte Geschichte einzupacken. Leicht und zugleich tiefsinnig nimmt er den Zuschauer und dessen Herz mit. Dieser Film macht Spaß, weil er schwerelos unterhaltend ist, ohne dabei hohl zu sein, wie manch andere klassische Screwball-Komödie.

Die anonymen Romantiker. Frankreich 2011. 80 Minunten. R Jean-Pierre Améris.

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Als wir träumten

Ich war endlich mal wieder im Kino und habe einen Must-See Film gesehen. Das neue Werk von Andreas Dresen: Als wir träumten. Der Film lief dieses Jahr bei der Berlinale an und hat schon gute Pressestimmen vom Cicero, faz und Spiegel online erhalten. Ich konnte den Film einen Tag vor Anlauf im Off Broadway sehen, der filmsociety sei dank.

Als wir träumten erzählt die Geschichte von fünf halbstarken Jungs, die zur Wendezeit in Leipzig aufwachsen. Dani, Rico, Mark, Paul & Pitbull kennen sich aus Schultagen, als sie noch als Pioniere mit roten Halstüchern die Welt verbessern wollten. Ein paar Jahre später stehen sie mehr oder weniger kurz vorm Abitur und wollen die Welt zwar nicht mehr retten, aber zumindest irgendwie ein Teil von ihr sein. Und Mädchen, Mädchen wollen sie auch. Zum Beispiel Sternchen, Danis große Liebe und das schönste Mädchen in Leipzig.

Die Jungs machen die Nacht zum Tag, hemmungslos und wild. Die Stadt wird ihr Spielplatz, mal klauen sie Autos, mal feiern sie in ihrem selbsteröffnetem Club. Nazis werden angepöbelt und natürlich lässt deren Reaktion nicht lange auf sich warten. Aus der Retrospektive heraus blickt Dani zurück in eine zeit, die ihn heute noch träumen lässt und an die er jeden Tag denkt. Trotzdem bleibt die Narration chronologisch und reißt den Zuschauer von Anfang an gut mit.

Der Regisseur Andreas Dresen und der Drehbuchschreiber Wolfgang Kohlhaase haben einen wunderbaren Coming-of-Age Film erschaffen, der sehr dicht von Freundschaft und Träumen erzählt. Von Zusammenhalt aber auch von Verrat und allem, was zu so einer schönen Jungsgeschichte dazugehört. Es ist ein bißchen, als wären Nick und seine Freunde älter geworden. Mein Bruder, der den Film mit mir gesehen hat, würde an dieser Stelle protestieren. Der Film sei viel ernster als die Geschichten vom kleinen Nick. Und trotzdem seh ich da irgendwie Parallelen. Dani und seine Jungs probieren sich aus und vertreiben ihre Zeit. Sie träumen vom Großen und alle scheitern irgendwie für sich im Kleinen.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Clemens Meyer. Am 9. Februar feierte er in Berlin Premiere. Deutschlandweiter Kinostart war der 26.02.2015. Der Titelsong zum Film A new Error von Moderat greift die Atmosphäre des Films auf und treibt sie gut voran.

Als wir träumten. Deutschland 2015. 117 Minuten. R Andreas Dresen. Mit Merlin Rose, Ruby O. Fee. Drehbuch Wolfgang Kohlhaase.

Sweatshop – Deadly Fashion

Gerade ist die Fashion Week rum und alle freuen sich über die neue Mode und die Trends und was 2015 alles noch so kommen mag. Man weiß nicht genau, ob die skandinavische Tageszeitung Aftenposten nicht gerade deshalb vor ein paar Tagen durch eine Doku Schlagzeilen machte, die die Kehrseite der Mode noch mal unter die Lupe nimmt und drei norwegische Modeblogger nach Kambodscha schickt. Dort sollen sie nicht nur sehen, sondern richtig fühlen wie ihre Trendteile hergestellt werden. Denn als halbwegs gebildeter Europäer weiß man zwar über die Zustände in den Sweat Shops Bescheid. Aber ändern wir dadurch unser Konsumverhalten?

Anniken, Frida und Ludwig sollen also nach Kambodscha, um dort mal herauszufinden, wie ihre Klamotten, für die sie im Monat bis zu 600 Euro ausgeben, hergestellt werden. Klingt nach großem Abenteuer, raus in die Welt und so. Neue Leute treffen, hier n Selfie schießen und auf Instagram posten. Am Anfang finden sie das alles auch noch sehr lustig.

Aber dann treffen sie auf reale Menschen, die für unter einen Euro Kleider nähen, die im Westen für 50 Euro verkauft werden. Schlafen in Baracken und müssen für 9 Dollar zehn Menschen ernähren und sich Zahnbürsten kaufen. Denn umgerechnet 3 Dollar stehen den Nähern am Tag zur Verfügung. Für Miete, Strom, Lebensmittel und die Familie. Auf einmal nehmen die drei Teens mit allen Sinnen wahr, was es heißt, unter miserablen Umständen zu Leben und zu arbeiten. Das halten sie kaum aus.

Diese kurze aber heftige Doku ist wichtig. Weil sie uns wieder ins Bewusstsein ruft, dass ein Großteil unserer Klamotten unter erschreckenden und kaum tragbaren Bedingungen hergestellt werden. Und dass die Menschen, die dafür zuständig sind, dass wir im Winter billig und warm angezogen sind, hungern und ein Leben führen, dass von anderen Leuten als nicht lebenswert erachtet wird. Es reicht auch nicht aus, zu sagen, „Die sind das so gewohnt, sie kennen es nicht besser“, so wie Anniken es anfangs macht. Damit schreibt man ihnen nicht nur per se einen beschränkten Horizont zu. Es erweckt auch den Anschein, als würde man ihnen ein besseres Leben nicht gönnen.

Die Episoden haben mir über die Bedingungen der Arbeiter keine neuen Informationen gegeben. Den Anspruch hatte die Produktion aber glaube ich auch gar nicht. Sie soll – wie schon so viele Artikel, Reportagen und Dokumentationen wachrütteln. Sie demonstriert unglaublich unfaire Bedingungen, sodass den Bloggern die Worte fehlen. Aber es kann auch nicht sein, dass wir alle erst nach Kambodscha reisen müssen, um unser Verhalten zu ändern. Es ist ja auch unrealistisch zu sagen, dass man nie mehr ein Teil bei H&M, Mango oder adidas kauft. Aber wieso findet es sich keine Lösung?

Die Arbeiter wollen nicht viel – nur angemessen entlohnt werden. Bisher bekommen sie Hundert Dollar. Doch sie brauchen 160. Das ist für uns ein Pullover, ein paar Sneaker oder eine Tasche im Monat, auf die wir verzichten müssten. Für sie aber mehr als die halbe Miete.

Alle Episoden könnte ihr euch hier mit englischem Untertitel anschauen.

Fish Tank

Hachja, jetzt ist es schon einen Monat her, seitdem ich das letzte Mal über etwas filmisches geschrieben habe. Verzeiht mir, die Arbeit ist schuld. Aber heute, an diesem wunderbaren und ziemlich kalten Januarsonntag schaffe ich es doch endlich mal, meinen vom kellnern geschundeten Körper an den Laptop zu bewegen und euch vom letzten Film zu erzählen, der mich bewegt hat. Ich sag mal so: Als ich die Tage den Coming-of-Age Film Fish Tank gesehen habe, war ich doch ganz froh, auf dem Land aufgewachsen zu sein. Dort, wo man es als Teenager superlangweilig fand, wo nichts los war und Eltern einen vom Sportverein abgeholt haben. Wo man aufgeregt war, wenn man das erste Mal auf ne Abiparty gehen durfte und bis halb zwei Nachts auf „Westerland“ von den Ärzten abging. Das Leben war so wunderbar unschuldig.

Denn bei dem britischen Filmdrama von Andrea Arnold isses alles – nur nicht unschuldig. Mia ist 15, hat die Schule abgebrochen und vertreibt sich ihre Zeit hauptsächlich damit, Alkohol aufzutreiben. Den sie anschließend gerne alleine in leerstehenden Wohnungen trinkt, in die sie zuvor eingebrochen ist. Sie hat eine kleine Schwester und der Dialog zwischen den beiden verläuft im Alltag ungefähr so:

Tyler: Was machst du da?
Mia: Frag nicht so blöd, Fickgesicht.
Tyler: Wenn ich ein Fickgesicht bin, bist du ein Fotzengesicht.

Ahja.

Erst als die Mutter Joanne – sagen wir mal, sie ist circa 32 Jahre alt und ihre Lieblingsbeschäftigungen sind sich herausputzen, trinken und feiern – ihren neuen Lover Connor (ein wunderbar trainierter Michael Fassbender) mit nach Hause bringt, trifft Mia jemanden, der sich für sie, ihre Probleme und ihr einziges Hobby, das Tanzen, interessiert. Geht auch ne Zeit lang gut, aber dann nutzt Connor das neue Vertrauen schamlos aus – if you know what I mean. Mia wird also wieder enttäuscht. Statt zum ersten Mal in ihrem Leben auf Halt und Verständnis zu stoßen, wird sie wieder abgestoßen. Das ist zuviel des Guten und das Mädchen rastet erstmal aus.

Schnell wird der Zuschauer vom Film in die erzählte Welt geführt. Dort herrscht vor allem Tristesse, Langeweile, Enttäuschung und Perspektivlosigkeit. Was soll man als 12-Jährige auch anderes machen, als nachmittags Soaps gucken, dazu ein Dosenbier und ne Zigarette? Mia und ihre kleine Schwester Tyler bekommen es von ihrer alleinerziehenden Mutter nicht anders vorgelebt. Dieser könnte man Überforderung zuschreiben, aber ein gutes Stück Desinteresse an dem Leben ihrer Töchter schwingt da wohl auch mit.

Klar benimmt Mia sich daneben. Zum Beispiel als sie ein Pferd stehlen will. Oder ein kleines Mädchen entführt und ihr Todesangst einjagt. Aber trotzdem möchte man sie die ganze Zeit in den Arm nehmen und ihr versichern, dass das alles nicht ihre Schuld ist. Dass die Pubertät ne schwierige Angelegenheit ist, aber das ihre Bedinungen nun mal schlichtweg beschissen sind und das man es irgendwo nachvollziehen kann, wenn jemand emotional so reagiert wie sie. Die Schauspielerin Katie Jarvis wurde für die Rolle übrigens direkt von der Straße weggecastet. Es ist ihre erste große Rolle und die Ambivalenz der Figur Mia bringt sie so großartig rüber, dass sie 2009 beim British Independent Film Award als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde. Die Regisseurin Andrea Arnold hatte zuvor hauptsächlich Kurzfilme gemacht, für ihren Film Wespe hat sie sogar einen Oscar bekommen. Ich mag Fish Tank, weil er ein Realdrama zeigt und mich vom Handwerk her überzeugt. Der Stil ähnelt dem vom Britischen Regisseur Ken Loach, der für seinen Schwerpunkt auf soziale Dramen bekannt ist.

Fish Tank. Großbritannien 2009. 123 Minuten. R Andrea Arnold. Mit Katie Jarvis und Michael Fassbender.

Putzfaul, aber cool: Vampire in What we do in the Shadows

Heute will ich euch einen Film vorstellen, der schon seit einiger Zeit in den Deutschen Kinos läuft und zu meinen Lieblingsfilmen des Jahres gehört: What we do in the shadows. Der Deutsche Titel lautet 5 Zimmer Küche Sarg, aber weil ich ein Fan davon bin, Filme in Ihrere Originalsprache zu schauen, gibts hier auch den Englischen Trailer.

Vampire sind sexy, unsterblich, ein bißchen gruselig und achja – sie wohnen in WGs und haben dort die gleichen Diskussionen ums spülen wie wir sie alle kennen. Wer das noch nicht wusste, sollte sich schleunigst daran begeben, die Dokumentation zu sehen. Schon seit dem Sundance Film Festival im Januar dieses Jahres räumt der neue Film von Jemain Clement und Taika Waititi mit Vorurteilen gegenüber den Blutsaugern auf.

2012 hatte ein neuseeländisches Kamerateam die große Chance, die vier WG-Mitglieder Viago, Vladislav, Deacon und den über 8000-jährigen Petyr bei ihrem täglichen Leben als Vampire zu begleiten. Dabei stellt sich heraus, dass auch die Gattung Vampir eigentlich ganz normal ist. Die vier gehen gerne zusammen aus und versuchen, in Nachtclubs reinzukommen. Sie streiten sich über Putzpläne und laden auch mal gerne Menschen zum Dinner ein. Sie haben Probleme mit der modernen Technik und es fällt ihnen nicht leicht, Frauen kennenzulernen und diese zu umgarnen. Obwohl Vampire ja unglaublich sexy sind. Erst als Petyr den Hipster Nick zum Vampir macht, ändert sich das Leben der vier. Denn Nick bringt seinen menschlichen Freund Stu mit. Der zeigt ihnen, wie man eine SMS verschickt und was sich sonst in der Welt der Menschen getan hat. Als Stu’s Leben in Gefahr ist, zeigt sich, dass Vampire längst nicht so kaltblütig sind, wie man denkt. Obwohl sie menschliches Blut zum Überleben brauchen.

Die Dokumentation, die natürlich fiktiv ist und unter das Genre der Mockumentary fällt, wird seit seiner Premiere am 19. Januar 2014 auf zahlreichen Filmfestivals gezeigt, wie zuletzt beim Fantasy Film Festival in Köln. Beim Toronto International Film Festival gewann er in der Kategorie People’s Choice Midnight Madness den ersten Platz. Vollkommen zurecht. Der Film ist irre witzig, weil er Vampire mal nicht so zeigt, wie man sie in den letzten Jahren in sämtlichen inflationären Draculaverfilmungen sieht. Sondern als unbeholfene Typen, die irgendwie einfach nur dazugehören wollen. Als totale Nerds, die alles sind – nur nicht sexy oder unheimlich. Den Produzenten Clement und Waititi gelingt es, das Publikum von der ersten bis zur letzten Minute mit Lachflashs zu beschenken. Eben weil es so schön absurd ist, Vampire in einer Dokumentation zu erleben, in der sie um Einlass in einen Nachtclub betteln und zu sehen, dass auch Viago und Co. abends Probleme haben aus dem Sarg zu kommen. Abendmuffel nennt man das dann wohl.

Ich hatte das Glück, den Film auf der letzten Berlinale und beim Fantasy Filmfestival auf Englisch zu sehen. Wer auch keine Lust auf die Deutsche Version hat, kann die Horrorkomödie im Off Broadway auf der Zülpicher Straße sehen.

What we do in the Shadows. Neuseeland 2014. 85Min. R Jemain Clement + Taika Waititi.

Winter’s Bone

Nachdem ich mit Dokumentationen angefangen habe, hab ich mir heute mal ein paar Gedanken zu einem Spielfilm gemacht,  der mich schon beim ersten Sehen geflashed hat: Winter’s Bone.

Ree Dolly wächst nicht unbedingt so auf, wie man es sich als 17-Jährige wünscht. Ihre Mutter ist psychisch krank, der Vater kocht Crystal Meth und ist seit einigen Wochen verschwunden. Der Kühlschrank gähnt nahezu immer vor Leere und außerdem sind da noch zwei kleine Geschwister, die sich alleine nicht ernähren können. Der Film Winter’s Bone verspricht von Anfang an nicht unbedingt ein Happy End. Eines Tages taucht der Sheriff auf und erklärt Ree, dass ihr Vater zwar aus dem Gefängnis entlassen wurde, aber dass er als Kaution das Haus und den anliegenden Wald überschrieben hat. Und wenn Jessup Dolly nicht zu seiner Verhandlung erscheint, dann verliert die Familie ihr Zuhause.

Also macht Ree, gespielt von Jennifer Lawrence, sich auf die Suche nach ihrem Vater. Und obwohl in dem kleinen Nest in Missouri fast alle miteinander verwandt sind, kann Ree keine große Hilfe erwarten. Im Gegenteil, es scheint eher so, als wolle niemand, dass Ree ihren Vater findet. Nicht mal ihr Onkel Teardrop (ein ausgemergelter John Hawkes) will ihr außer mit Koks und ein paar Scheinen helfen. Die Unbarmherzigkeit, die dem Mädchen entgegenstoßen, würden andere vielleicht einschüchtern. Aber Ree hat eine kranke Mutter und zwei kleine Geschwister, um die sie sich kümmern muss. Sie hat keine Wahl, sie muss sich für ihre Familie aufopfern und sie muss ihren Vater finden.

2010 erschien der Independentfilm von Debra Granik, nach dem gleichnamigen Roman von Daniel Woodrell. Ich habe das Buch nicht gelesen, aber den Film mittlerweile drei Mal gesehen. Jennifer Lawrence spielt einfach großartig und intensiv. Völlig zu Recht wurde sie für die Rolle der Ree Dolly für den Oscar nominiert. Wer ihre Filme mag, sollte sich diesen auf jeden Fall anschauen. Aber bitte keine Science-Fiction Story á la Die Tribute von Panem erwarten. Sondern einen Film, der einem eine Gänsehaut verpasst, weil er so real wirkt. Fast dokumentarisch wirken die Aufnahmen der kalten Winterlandschaft. Bewusst verzichtet die Regisseurin auf filmische Mittel wie Musik. Dort wo sie eingesetzt wird, wirkt sie verstörend intensiv. Nichts wird beschönigt, dazu gehört auch die detaillierte Szene, in der Ree ihren Geschwistern zeigt, wie man ein Eichhörnchen häutet. Soll sogar kein Filmtrick gewesen sein. Als Zuschauer ist man einer Gewalt ausgesetzt, die einen härter trifft, als bei einem Splatter-Film. Sie kommt nicht unerwartet, der ganze Film hat einen latent aggressiven Ton. Aber der Rahmen in dem sie auftritt, lässt es schwerer aushalten. Es ist die Vorstellung, dass irgendwo da draußen in den Südstaaten tatsächlich dieses Mädchen im White-Trash Milieu darum kämpft, die Heimat behalten zu können. Ob sie es schafft?

Winter’s Bone. USA 2010. 100Min. R: Debra Garnik. Mit Jennifer Lawrence, John Hawkes

Fat, Sick and Nearly Dead

Momentan steh ich irgendwie auf Dokus, deshalb heute noch mal eine, die ich die Tage geschaut habe: Fat, Sick and Nearly Dead von Joe Cross.

Es ist 2010, der Australier Joe wiegt 140 Kilo, hat eine Autoimmunkrankheit von der er ständig Hautausschlag bekommt und rennt von einem Arzt zum nächsten. Keiner kann ihm helfen, selbst ein ominöser Magier nicht. Also beschließt Cross wieder an die selbstheilende Kraft des Körpers zu glauben. Wenn Sturzwunden von alleine heilen können, warum kann der Körper sich nicht auch von innen gesund machen?

Cross fliegt nach Amerika und beginnt dort mit einer 60-tägigen Saftkur. Ob morgens, mittags oder abends, der Gute trinkt nur Saft. In seinem Wagen, mit dem er quer durch Amerika reist, hat er immer einen Entsafter dabei. Egal wen er trifft, jeder wird motiviert, seine Säfte zu trinken. Den meisten schmeckt es sogar. Cross zieht sein Vorhaben bis zum Ende durch. Er verliert dabei nicht nur 45 Kilo, sondern kann auch alle Medikamente absetzen.

Es ist schon eine tolle Leistung, was der Mann da gemacht hat. Aber irgendwie wundert es einen auch nicht, dass er es schafft. Er ist erfolgreicher Investmentbanker, kommt aus einem gebildeten Umfeld und ist so der Typ disziplinierter Macher. In Theorie wusste er auch schon vorher, dass Gemüse, mehr Schlaf und regelmäßige Bewegung gesünder sind als Fast Food und keine Bewegung. Er hatte es bis dato nur nicht wirklich umgesetzt. Aber einmal den Entschluss gefasst, kann er es eben.

Umso besser für das Seh-Erlebnis, dass die Doku nach der Hälfte eine Wendung nimmt. Auf seiner Saft-Tour hat Joe nämlich Phil getroffen: Ein sehr adipöser LKW-Fahrer aus Iowa mit einem BMI von 58%. Er hat die gleiche Autoimmun-Krankheit wie Joe. Wochen nachdem Joe wieder in Australien ist, bekommt er von Phil einen Anruf. Phil, nicht nur adipös und krank, sondern auch depressiv, hat beschlossen, mit einer Saft-Kur nach Joe Cross sein Leben zu ändern. Er beginnt mit zehn Tagen, verlängert um zehn weitere und macht am Ende eine Achtwöchige Kur daraus. Auch er verliert unglaublich viel Gewicht, wird gesund und ändert sein Leben komplett. Aus dem schweren LKW-Fahrer wird ein Gesundheitsmissionar, der Seminare im Saft-Fasten gibt.

Als Zuschauer ist man von beiden Wandlungen total fasziniert. Aber mehr noch von Phil’s Veränderung. Warum? Weil man von ihm nicht den Eindruck hat, dass er aus einem sozialen Umfeld kommt, in dem sich viel um Ernährung und Bildung gekümmert wird. Man erwischt sich dabei, wie man innerlich diverse Vorurteile über LKW-Fahrer abklappert: faul (haben alle nichts anständiges gelernt), zu den unmöglichsten Zeiten wach, unkooperativ auf der Autobahn (lassen einen nicht rein, fahren auf und überholen einen mit wütendem Gehupe), schlechte Ernährung die man ihnen ansieht und last but not least die fiese Vorstellung, dass LKW Fahrer große Freunde von Mett in Thermoskannen sind.

Und dann macht Phil Staples damit einfach Schluss. Fährt keinen LKW mehr, ernährt sich von Saft und fängt wieder mit Sport an. War man vorher von Joe’s Leistung beeindruckt, ist man spätestens bei Phil auch noch emotional involviert. Denn von ihm erfährt der Zuschauer mehr. Wie er vom athletischen Schwimmer zum übergewichtigem Brummifahrer wurde. Je mehr der Film über Phil erzält, desto authentischer wird er. Joe gerät dabei etwas in den Hintergrund und verblasst. Vielleicht war das sogar von ihm gewollt, denn letztendlich ist es eine kluge Montage. Die Dokumentation fängt mit Joe an, baut in der Mitte Phil ein und endet wieder bei Joe, der an diesem Punkt seinen alten Beruf aufgegeben hat und nun in Start-Ups investiert.

Trotzdem lässt die Dokumentation Fragen offen. Zum einen wird meiner Meinung nach die Anfangszeit bei Joe zu wenig gezeigt. Man kann sich einfach nicht vorstellen, was tatsächlich mit einem passiert, wenn man von normaler bzw. ungesunder Ernährung auf frischgepresste Säfte umsteigt. Der Film macht einen Sprung zwischen dem 3. und 14. Tag. Da fehlt mir einfach ein bißchen der Leidensweg. Außerdem wird auch nicht erklärt, welche Konsequenzen diese radikale Ernährungsumstellung für den Körper hat. Was passiert im Magen, wenn er nichts mehr zu zersetzen bekommt? Und hat man anfangs nicht trotzdem immer Hunger, egal wie viel Saft man zu sich nimmt?

Fat, Sick and Nearly Dead ist ne gute Zwischendurch-Doku, die den Abverkauf von Entsaftern fördert und auch ein bißchen Eigenwerbung für Joe Cross ist, da bin ich mir ziemlich sicher. Der Film hat etwas motivierendes, dient aber nicht zur Aufklärung. Man kann sie mit deutschem Untertitel auf Netflix schauen oder aber auch auf You Tube finden.