Winter’s Bone

Nachdem ich mit Dokumentationen angefangen habe, hab ich mir heute mal ein paar Gedanken zu einem Spielfilm gemacht,  der mich schon beim ersten Sehen geflashed hat: Winter’s Bone.

Ree Dolly wächst nicht unbedingt so auf, wie man es sich als 17-Jährige wünscht. Ihre Mutter ist psychisch krank, der Vater kocht Crystal Meth und ist seit einigen Wochen verschwunden. Der Kühlschrank gähnt nahezu immer vor Leere und außerdem sind da noch zwei kleine Geschwister, die sich alleine nicht ernähren können. Der Film Winter’s Bone verspricht von Anfang an nicht unbedingt ein Happy End. Eines Tages taucht der Sheriff auf und erklärt Ree, dass ihr Vater zwar aus dem Gefängnis entlassen wurde, aber dass er als Kaution das Haus und den anliegenden Wald überschrieben hat. Und wenn Jessup Dolly nicht zu seiner Verhandlung erscheint, dann verliert die Familie ihr Zuhause.

Also macht Ree, gespielt von Jennifer Lawrence, sich auf die Suche nach ihrem Vater. Und obwohl in dem kleinen Nest in Missouri fast alle miteinander verwandt sind, kann Ree keine große Hilfe erwarten. Im Gegenteil, es scheint eher so, als wolle niemand, dass Ree ihren Vater findet. Nicht mal ihr Onkel Teardrop (ein ausgemergelter John Hawkes) will ihr außer mit Koks und ein paar Scheinen helfen. Die Unbarmherzigkeit, die dem Mädchen entgegenstoßen, würden andere vielleicht einschüchtern. Aber Ree hat eine kranke Mutter und zwei kleine Geschwister, um die sie sich kümmern muss. Sie hat keine Wahl, sie muss sich für ihre Familie aufopfern und sie muss ihren Vater finden.

2010 erschien der Independentfilm von Debra Granik, nach dem gleichnamigen Roman von Daniel Woodrell. Ich habe das Buch nicht gelesen, aber den Film mittlerweile drei Mal gesehen. Jennifer Lawrence spielt einfach großartig und intensiv. Völlig zu Recht wurde sie für die Rolle der Ree Dolly für den Oscar nominiert. Wer ihre Filme mag, sollte sich diesen auf jeden Fall anschauen. Aber bitte keine Science-Fiction Story á la Die Tribute von Panem erwarten. Sondern einen Film, der einem eine Gänsehaut verpasst, weil er so real wirkt. Fast dokumentarisch wirken die Aufnahmen der kalten Winterlandschaft. Bewusst verzichtet die Regisseurin auf filmische Mittel wie Musik. Dort wo sie eingesetzt wird, wirkt sie verstörend intensiv. Nichts wird beschönigt, dazu gehört auch die detaillierte Szene, in der Ree ihren Geschwistern zeigt, wie man ein Eichhörnchen häutet. Soll sogar kein Filmtrick gewesen sein. Als Zuschauer ist man einer Gewalt ausgesetzt, die einen härter trifft, als bei einem Splatter-Film. Sie kommt nicht unerwartet, der ganze Film hat einen latent aggressiven Ton. Aber der Rahmen in dem sie auftritt, lässt es schwerer aushalten. Es ist die Vorstellung, dass irgendwo da draußen in den Südstaaten tatsächlich dieses Mädchen im White-Trash Milieu darum kämpft, die Heimat behalten zu können. Ob sie es schafft?

Winter’s Bone. USA 2010. 100Min. R: Debra Garnik. Mit Jennifer Lawrence, John Hawkes

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