Fish Tank

Hachja, jetzt ist es schon einen Monat her, seitdem ich das letzte Mal über etwas filmisches geschrieben habe. Verzeiht mir, die Arbeit ist schuld. Aber heute, an diesem wunderbaren und ziemlich kalten Januarsonntag schaffe ich es doch endlich mal, meinen vom kellnern geschundeten Körper an den Laptop zu bewegen und euch vom letzten Film zu erzählen, der mich bewegt hat. Ich sag mal so: Als ich die Tage den Coming-of-Age Film Fish Tank gesehen habe, war ich doch ganz froh, auf dem Land aufgewachsen zu sein. Dort, wo man es als Teenager superlangweilig fand, wo nichts los war und Eltern einen vom Sportverein abgeholt haben. Wo man aufgeregt war, wenn man das erste Mal auf ne Abiparty gehen durfte und bis halb zwei Nachts auf „Westerland“ von den Ärzten abging. Das Leben war so wunderbar unschuldig.

Denn bei dem britischen Filmdrama von Andrea Arnold isses alles – nur nicht unschuldig. Mia ist 15, hat die Schule abgebrochen und vertreibt sich ihre Zeit hauptsächlich damit, Alkohol aufzutreiben. Den sie anschließend gerne alleine in leerstehenden Wohnungen trinkt, in die sie zuvor eingebrochen ist. Sie hat eine kleine Schwester und der Dialog zwischen den beiden verläuft im Alltag ungefähr so:

Tyler: Was machst du da?
Mia: Frag nicht so blöd, Fickgesicht.
Tyler: Wenn ich ein Fickgesicht bin, bist du ein Fotzengesicht.

Ahja.

Erst als die Mutter Joanne – sagen wir mal, sie ist circa 32 Jahre alt und ihre Lieblingsbeschäftigungen sind sich herausputzen, trinken und feiern – ihren neuen Lover Connor (ein wunderbar trainierter Michael Fassbender) mit nach Hause bringt, trifft Mia jemanden, der sich für sie, ihre Probleme und ihr einziges Hobby, das Tanzen, interessiert. Geht auch ne Zeit lang gut, aber dann nutzt Connor das neue Vertrauen schamlos aus – if you know what I mean. Mia wird also wieder enttäuscht. Statt zum ersten Mal in ihrem Leben auf Halt und Verständnis zu stoßen, wird sie wieder abgestoßen. Das ist zuviel des Guten und das Mädchen rastet erstmal aus.

Schnell wird der Zuschauer vom Film in die erzählte Welt geführt. Dort herrscht vor allem Tristesse, Langeweile, Enttäuschung und Perspektivlosigkeit. Was soll man als 12-Jährige auch anderes machen, als nachmittags Soaps gucken, dazu ein Dosenbier und ne Zigarette? Mia und ihre kleine Schwester Tyler bekommen es von ihrer alleinerziehenden Mutter nicht anders vorgelebt. Dieser könnte man Überforderung zuschreiben, aber ein gutes Stück Desinteresse an dem Leben ihrer Töchter schwingt da wohl auch mit.

Klar benimmt Mia sich daneben. Zum Beispiel als sie ein Pferd stehlen will. Oder ein kleines Mädchen entführt und ihr Todesangst einjagt. Aber trotzdem möchte man sie die ganze Zeit in den Arm nehmen und ihr versichern, dass das alles nicht ihre Schuld ist. Dass die Pubertät ne schwierige Angelegenheit ist, aber das ihre Bedinungen nun mal schlichtweg beschissen sind und das man es irgendwo nachvollziehen kann, wenn jemand emotional so reagiert wie sie. Die Schauspielerin Katie Jarvis wurde für die Rolle übrigens direkt von der Straße weggecastet. Es ist ihre erste große Rolle und die Ambivalenz der Figur Mia bringt sie so großartig rüber, dass sie 2009 beim British Independent Film Award als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde. Die Regisseurin Andrea Arnold hatte zuvor hauptsächlich Kurzfilme gemacht, für ihren Film Wespe hat sie sogar einen Oscar bekommen. Ich mag Fish Tank, weil er ein Realdrama zeigt und mich vom Handwerk her überzeugt. Der Stil ähnelt dem vom Britischen Regisseur Ken Loach, der für seinen Schwerpunkt auf soziale Dramen bekannt ist.

Fish Tank. Großbritannien 2009. 123 Minuten. R Andrea Arnold. Mit Katie Jarvis und Michael Fassbender.

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[Serie:] American Horror Story. Erste Staffel.

Die Adventszeit ist ja dafür bekannt, dass alles gemütlich wird. Besinnlichkeit und Ruhe kehren in die Häuser ein, überall duftet es nach frischgebackenen Plätzchen, man scrollt durch diverse Do it yourself Blogs auf der Suche nach Ah’s und Oh’s und überhaupt freuen sich alle auf das bevorstehende Fest mit der Familie.

Pustekuchen sag ich dazu nur. Die Wahrheit ist doch: Ich war dieses Jahr einmal auf dem Weihnachtsmarkt, weils überall und ständig zu voll ist. Do it yourself-Geschenke rauben einem Bastel-Legastheniker wie mir den letzten Nerv und die einzigen Schokokekse, die dieses Jahr in unserer WG gebacken wurden, sind verbrannt.

Dann doch lieber das machen, was man eh das ganze Jahr über gerne macht und wozu es wenig Aufwand gehört: Serien gucken. Deshalb stell ich heute mal wieder eine vor. Passt auch so herrlich gar nicht zu dieser Jahreszeit, denn es geht um böse Menschen, die heimtückische Absichten haben. Achja, ein gruseliges Haus und ein paar Geister kommen auch vor.
Die Rede ist von … American Horror Story (An dieser Stelle darf man sich gerne ein Geisterhaus, zuckende Blitze und Gewitter vorstellen).

Ich muss sagen, lange habe ich mich an die Serie nicht getraut. Bin halt doch ein Angshase und vermeide Horrorfilme. Aber am letzten Katersonntag konnte ich mich gegen die Serienwahl meines Mitbewohners nicht wehren. Und dann hat’s mich gepackt. Also nicht das Böse. Sondern die Serie. Das Böse vielleicht ein bisschen, immer dann wenn’s um Chips geht.

Die erste Staffel der amerikanischen Serie heißt Murder House und darum geht’s dann auch. Die Familie Harmon, bestehend aus Vater Ben, Mutter Vivien und Tochter Violet, zieht nach Los Angeles in ein altes Haus. Natürlich ist es ein Haus im Art Deco Stil, hat Lampen von Tiffany und wurde in den goldenen Zwanzigern von einem reichen Mann für seine Frau gebaut. Der Mann, ein Chirurg, wurde drogensüchtig und aus Angst vor dem finanziellen Ruin fand seine Frau eine Geschäftsidee, die für beide gar nicht mal so gut ausging. Davon wissen die Harmons erst mal nichts, doch nach und nach holt die dunkle Vergangenheit des Hauses die Familie ein. Dabei spielen auch die sich dem Alter verweigernde Nachbarin Constanze und der charmante Tate eine Rolle. Als dann auch noch die ehemalige Geliebte von Ben auftaucht, wird es nicht nur immer verzwickter. Sondern eine düstere Energie bringt die ganze Familie ins Strudeln.

Wer auf klassischen Horror steht, bei dem es um Angst, Schrecken und Verstörung geht, ist bei American Horror Story richtig. Die Produzenten Ryan Murphy und Brad Falchuk setzen auf übernatürliche Phänomene, gepaart mit ausrastenden Psychopathen. Das macht die Serie hin und wieder vorhersehbar. Die Angst vor dem Unbekannten wird bis ins letzte Detail ausgenutzt, dazu noch ein paar schrille Hintergrundtöne und zack sitzt man mit nem Kissen vor den Augen auf der Couch. Viele Kamera-Einstellungen sind so subjektiv, dass dem Zuschauer der distanzierte Gesamtüberblick verweigert bleibt. Ist aber so gewollt, ganz klar. Und das macht die Serie auch aus. Ich habe mich schon gegruselt, aber konnte von der ersten Staffel nicht genug bekommen. Und je länger man sie schaut, desto harmloser wird es. Versprochen!

Was die Serie noch ausmacht, ist die immer wiederkehrende Cast. Seit 2011 läuft die Produktion in den Vereinigten Staaten, insgesamt gibt es schon vier Staffeln. Und in jeder Staffel tauchen bekannte Gesichter auf. Was in diesem Fall aber nicht stört, denn jede Staffel ist eine abgeschlossene Geschichte. Find ich gar nicht mal so schlecht, dann kann man eine Staffel durchsuchten und sich danach vom ganzen Spuk ne Pause gönnen. Ohne von der Story etwas zu verpassen. Das hat positive wie auch negative Konsequenzen, denn als Serien-Fan setze man ja eigentlich darauf, dass eine Story weitergeht. Die zweite Staffel könnte mich thematisch deshalb gar nicht interessieren. Andererseits kann man auch quer einsteigen, die Reihenfolge, in der man die Staffeln schaut ist also egal.
Ich habe die Serie mal wieder auf Netflix geschaut, aber es gibt sie auch auf maxdome, Amazon Prime Instant Video und sogar bei myVideo. Wer also nach alle der momentanen Besinnlichkeit das genau Gegenteil sucht, hat jetzt ne Hausaufgabe. Frohe Weihnachten!

American Horror Story. Staffel 1. Vereinigte Staaten 2011. 12 Episoden á 40 Min. Idee Ryan Murphy + Brad Falchuk. Mit Jessica Lange, Dylan McDermott.

Der Trailer ist auf Englisch, die Serie habe ich aber auf Deutsch gesehen.

[Serie:] Top of the Lake

Diese Neuseeländer haben es irgendwie drauf. Letzte Woche war’s lustig mit den blutsaugenden Boys aus Wellington. Diese Woche kommt preisgekrönte Spannung von dem Inselstaat. Und zwar mit einer Mini-Krimiserie, die ihr nicht verpassen solltet.

Top of the Lake heißt die sechsteilige Serie und die Story geht so: Die 12-Jährige Tui versucht, sich in einem kalten See zu ertränken. Doch bevor sie es schafft, wird sie widerwillens gerettet und man bringt die Kleine auf ein Polizeirevier. Dort stellt sich heraus, dass Tui im fünften Monat schwanger ist. Weil das Mädchen aber nicht redet, schaltet man die auf Kindesmissbrauch spezialisierte Polizistin Robin ein. Die möchte natürlich herausfinden, wer dem Mädchen das angetan hat, aber Tui scheint keinem Erwachsenen zu vertrauen. Bevor Robin richtig an sie herankommt, verschwindet das schwangere Mädchen spurlos. Nicht nur Robin macht sich Sorgen. Sondern auch der örtliche Drogenbaron Matt, der zufällig Tui’s Vater ist. Und in Robins Augen zu den Tatverdächtigen gehört. Ob Tui jetzt irgendwo tot herumliegt, wie manche behaupten, oder sich im Wald versteckt, erfährt man natürlich erst mal nicht. Die eigentlichen Fragen lauten für die Polizistin auch eher, warum die Kleine abgehauen ist und wovor sie solche Angst hatte. Deshalb lässt sie nirgends locker, sucht nach Tui und legt sich zur Not auch mit den Bad Boys aus ihrer alten Heimatstadt an.

Die Story an sich, kleines Mädchen aus einem Dorf in dem sich alle kennen verschwindet und alle suchen nach ihr, ist filmgeschichtlich nicht so neu. Da baut man bei Top of the Lake auf ein Gerüst, das schon in der Vergangenheit funktioniert hat. Aber die Serie, die von der Oscar-Preisträgerin Jane Campion und dem Australischen Screenwriter Gerard Lee produziert wurde, ist dabei so spannend, dass man sie bis zum Ende verfolgen möchte. Allein schon die Landschaftsbilder, die so wirken als wären sie eigens für’s Kino gemacht, machen die Serie sehenswert. Aber vor allem die Figuren, das langsame Erzähltempo, das mich teilweise an die Serie The Returned erinnert hat, und der sparsame Einsatz von Musik runden die Geschichte ab. Elisabeth Moss spielt eine authentische Robin, die bei ihrer Suche nach Tui auch von ihrem eigenen Schicksal eingeholt wird und sich diesem ungewollt stellen muss. Obwohl sie neben Tui die Hauptperson ist, und man sie deshalb am besten kennen müsste, bleibt sie dem Zuschauer teilweise unnahbar. Das muss auch ihr ehemaliger Schulfreund Johnno (Thomas M. Wright) feststellen, der ihr bei der Suche nur helfen will. Außerdem ist da noch dieser Chef von Robin, Al heißt er und wird gespielt von David Wenham. Mit dem ganzen Dorf bestens vernetzt, kommt er schnell an sämtliche Informationen ran. Aber ist das immer von Vorteil für alle Beteiligten oder profitiert am Ende nur einer davon: der scheinbar besorgte Vater (Peter Mullan), der aber gerne das ganze Dorf auf seine Art tyrannisiert?

Top of the Lake wurde bereits 2013 mit dem Critic’s Choice Television Award ausgezeichnet und Elisabeth Moss erhielt für ihre Rolle sogar einen Golden Globe als beste Hauptdarstellerin. Außerdem wurde im Oktober bekannt, dass es eine zweite Staffel geben wird! Yaay!
Die Serie lief zunächst auf Arte, momentan zeigt der WDR das preisgekrönte Stück und auf Netflix bekommt ihr sie immer zu sehen.

Top of the Lake. Neuseeland + Australien 2013. 6 Episoden in 1+ Staffeln.
R Jane Campion + Garth Davis. Mit Elisabeth Moss, Peter Mullan, Thomas M. Wright.